Dionysos WeinWein und Musik sind ein altes Paar, dessen Anfänge sich bis in die Morgenstunden der europäischen Zivilisation zurückverfolgen lassen. Friedrich Nietzsche zufolge, ist Dionysos, der griechische Gott des Weines, auch der Gott der Musik, und in den zu seinen Ehren veranstalteten Festen mischten sich der Genuss des Weines und der Musik zu einer rauschhaft-ekstatischen Gesamterfahrung, bei der alle fünf Sinne vom Sehen über das Hören bis hin zu Riechen, Schmecken und Tasten angesprochen wurden.

Dieses Praxis, von den römischen Bacchanalien fortgeführt, bildete das Grundmodell, das noch alle Feste und Feiern des europäischen Adels seit der Renaissance bestimmte und in seiner gemilderten, demokratischen Form in den von Wein und Musik begleiteten Festen bis heute erhalten blieb. 

Musik Wein

Die Musik und Wein gewidmeten Festivals Italiens sind kaum zu zählen. Für jeden Geschmack ist etwas dabei: etwa das Strassenfestival Vino è … Musica, das seit 2010 in Grottaglie (Provinz Taranto) stattfindet, das Bacco e Bach betitelte Event in Monferrato oder auch Melodia del Vino, bei dem im vergangenen Jahr berühmte toskanische Weinkeller ihre Türen öffneten. 

 Bei all dem stellt sich natürlich die Frage, ob es bei der Verbindung von Wein und Musik ähnliche Synergien und Gegensätze gibt wie sie von Wein und Speise her bekannt sind. In anderen Worten: gibt es Musikgattungen, welche den Geschmack eines bestimmten Weines hervorheben oder mindern können und lassen sich gar unvereinbare Gegensätze ausmachen wie jener klassische zwischen Wein und Essig?

Der Amerikaner Clark Smith, Autor des Werkes Postmodern Winemaking (California University Press 2013) ist genau dieser Auffassung. Nach jahrelangen Untersuchungen über das Verhältnis von Wein zu Musik ist er überzeugt, daß ein Cabernet Sauvignon am Besten mit einem Stück der Doors oder der "Carmina Burana" harmoniere aber keinesfalls mit Mozart, der jedoch in Begleitung eines Pinot Noirs gut ankäme. Aber Smith geht noch eine Schritt weiter: der Hit "California Girls" der Beach Boys könne sogar einen Supermarkt Chardonnay für 3 $ in der Gunst der Mehrheit aller Weinliebhaber steigern, während das Abspielen einer Polka eine dem Essig vergleichbare Wirkung habe, es ruiniere unweigerlich das Geschmackserlebnis jedes Weines, mit Ausnahme vielleicht eines "White Zinnfandel".

Professionelle Weinverkostung

Eine starke, eine provokatorische Theorie. Ohnen jeden Zweifel beinflusst das Hören von Musik in einer gewissen Weise den Geschmack des Weines, schon deshalb weil Musik auch unsere Gefühlswelt anspricht. Aus genau diesem Grund finden professionelle Weinverkostungen ja in einem stillen Umfeld statt, eben um jeden nicht auf den Wein selbst zurückgehenden Reiz auszuschliessen!

Möglich auch, daß die beim Hören vom Musik angesprochenen Hirnzentren mit jenen identisch sind, welche beim Weingenuss aktiviert werden. Sollte sich das eines Tages wissenschaftlich nachweisen lassen, könnte es zumindest teilweise erklären, wie das Hören unser Schmecken beinflusst. Bis heute jedoch liefern Smiths Untersuchungen noch keine zureichende Erklärung, warum uns manche Verbindungen von Wein und Musik gefallen und andere nicht.

Donnafugata Wein Musik

Bis die Wissenschaft hier aufholt, sind wir frei, Musik und Wein nach unserem eigenen Gutdünken individuell zu kombinieren. Und vielleicht verhält es sich auch einfach so: wenn ich Frederic Chopin und Brunello di Montalcino mag, harmonieren diese beiden für mich immer, während mir selbst der Brunello 2010 von Le Potazzine kaum mehr als fünf Minuten Tafelmusik von Georg Philipp Telemann erträglich macht. 

Ein dem pairing von Wein und Musik gewidmetes Projekt wurde vor einigen Jahren von José Rallo und ihrem Mann Vincenzo, den Eigentümern des sizilianischen Weingutes Donnafugata ins Leben gerufen. Seit 2011 gibt es dort “Degustazioni in jazz”, ein Event bei dem gesungene Verkostungen ein multisensoriales Erlebnis ermöglichen: jeder Wein wird hierzu mit einem für ihn jeweils passenden Musikstück verkostet, vom Anthilia bis hin zum Mille e una Notte

Eine bestimmte Musik mit dem Geschmacksprofil eines Weines harmonisch abzustimmen, ist eine Sache, diese jedoch in Musik getreu zu übertragen, ein ganz und gar andere. Franz Weninger vom gleichnamigen Weingut, das Weinberge sowohl im österreichischen Burgenland als auch in der Gegend um die ungarische Stadt Sopron besitzt, versucht genau dies. Weninger ist ein Spezialist für die Rebsorte Blaufränkisch, welche er in drei verschiedenen Terrorirs anbaut:  Dürrau in Horitschon, Saybritz im Burgenland und Steiner am Neusiedlersee. Überzeugt, daß sich der Charakter eines Weines am leichtesten in einer Sprache ausdrücken lasse, die bei den meisten Zuhörern gemeinsame Empfindungen hervorrufe, hat sich Weninger der Musik zugewandt. Mit dem von ihm gegründeten Weninger’s Wine Orchestra will er nun den bestmöglichen musikalischen Ausdruck für jeden seiner drei unterschiedlichen Blaufränkisch Weine finden, wobei selbst die Intrumente aus Materialien hergestellt werden, die beim Weinbau Verwendung finden. 

Ulrich Kohlmann