MirtoMortelle ist ein dem Neapolitanischen entstammendes Wort. Gemeint sind damit Myrten, ein immergrüner Strauch, dessen weiße Blüten an warmen Frühlingstagen einen betörenden Duft verströmen. Auf sandigen, durchlässigen Böden können sie ein beachtliches Alter erreichen. Im Botanischen Garten von Pisa steht ein 1815 gepflanztes Exemplar, es erfreut sich bis heute bester Gesundheit.
Wie kaum ein anderer Strauch symbolisieren Myrten den kulturellen Raum des Mittelmeeres. Im Altertum war die Myrte Aphrodite geweiht, der griechischen Göttin der Liebe und Schönheit, und Ovid zufolge, bedeckt sich Venus, ihr Pendent in römischer Zeit, mit einem Myrtenzweig ihre Scham. In der Bibel steht sie als Versprechen für Fruchtbarkeit und Heil. Adam, bei seinem Auszug aus dem Paradies, durfte sich einen Myrtenzeig mitnehmen.

 

Le Mortelle

Die Einladung in das Antinori-Weingut Le Mortelle hatte ich lange vorbereitet, Zahlen und Fakten des in der Maremma liegenden Mustergutes studiert und natürlich etwas zur Geschichte der berühmten Winzerfamilie gelesen. Man ist schließlich nicht alle Tage bei einem Unternehmen zur Gast, das seit 1385 im Weinbau tätig ist. Laut einem zuverlässigen ranking, weltweit das drittälteste weinerzeugende Familienunternehmen. Der wohlklingende, mediterrane Namen aber hatte meine Erwartungen an dessen Weine besonders angespannt. Würden sie tatsächlich ein unverwechselbarer Ausdruck ihres südtoskanischen Terroirs sein?
Ein Schild an der Einfahrt zum Weingut fordert höflich dazu auf langsam zu fahren. «Wer will hier denn rasen»? frage ich mich und lasse den Wagen andante die herrlich lange Zypressenallee hinaufrollen. «Das Myrtengut also», denke ich und das Wort ruft eine etwas unscharfe Assoziation aus dem Aromengedächtnis herbei, ein schwer zu definierender Duft, irgendwo zwischen Eukalyptus und Weihrauch.


Antinori Le MortelleWie dem auch sei, jetzt geht es um Wein. «Früher, bevor die marchesi im Jahre 1999 das Gut erwarben, hätte man hier lediglich Obst angebaut», erklärt mir Giulia bei der Begrüßung. «Aber für die neuen Besitzer», fügt sie rasch hinzu, «war es natürlich eine größere Herausforderung, es auch mit Wein zu versuchen, naturale no»?

Giulia ist gelernte Sommelière der italienischen Sommelier-Vereinigung AIS und ihre große Passion für die Welt des Weines schafft unmittelbar eine freundschaftlich-entspannte Atmosphäre. Auf zum Keller also, dessen Besichtigung bei keinem Besuch eines Weinguts fehlen darf, in diesem Fall aber Grund für eine auch weitere Anreise wäre. Denn was das Florentiner Architekturbüro Hydea zwischen 2007 und 2009 hier tief in den Hügel versenkt hat, ist ein Musterbeispiel für funktionelle Eleganz. Design im Dienste modernster Weinherstellung.

 

Mortelle Weingut AntinoriDen Windungen einer Triton-Muschel gleich, führt die im Zentrum des zylindrisch angelegten Kellers platzierte Wendeltreppe von der Empfangshalle für die gelesenen Trauben über die Edelstahltanks des Vinifikationsbereichs hinab zum letzten Stockwerk, zum allerheiligsten Endlager vieler moderner Weinkeller, dem Barriqueraum. «Energiefressende Pumpen brauchen wir hier nicht», meint Giulia, «die Schwerkraft ist völlig ausreichend, und für den Most ist es eh besser, wenn er nicht allzu sehr herumgeschleudert wird!» Meine nachhakenden Fragen zu Details der Kellertechnik beantwortet sie mit einer auch für gelernte Sommeliers beindruckenden Präzision. Eine zusätzliche Ausbildung in Kellereitechnik hat ihr das Fachwissen vermittelt, mit dem sie nun Besucher, vom normalen Weinliebhaber bis hin zum Brancheninsider, kompetent durch das Anwesen führt. «Antinori style«, denke ich mir. Extreme Sauberkeit, kein Kellergeruch meldet der Nase Fehltöne, alles perfekt - bis hin zur Luftfeuchtigkeit.

Mortelle BarriqueUm den Keller so tief legen zu können, musste schon eine große Menge Gestein weggesprengt werden. Bei den dazu notwendigen Bauarbeiten, vermute ich, ging es ökologisch sicher nicht ganz unbedenklich zu. Jetzt aber entsteht hier Wein in einem der modernsten und umweltschonendsten Keller Italiens. «Bei nunmehr 26 Generationen im Weingeschäft, setzt man auf langfristig angelegte Projekte», meint meine Führerin in der Unterwelt. Für die bei der Weinherstellung anfallenden Abwässer hat man eigens dafür vorgesehene Teiche angelegt, in denen Mikroorganismen und Pflanzen die vollständige Reinigung übernehmen. «Allora, beviamo un goccino – trinken wir was»? Das muss man mir nicht zwei Mal sagen und ich habe das Treppengeländer schon in der Hand, als mich Giulia noch einmal zurückruft, um mir noch etwas zu zeigen. Umgeben von Barriquefässern nehme ich einen kleinen, mit Glas abgeschirmten Raum war. »Das ist unsere VIP-Lounge, für einige hundert Euro könne man sich da verwöhnen lassen», erklärt sie. «Wie schön«, denke ich und eile zum weit populäreren Verkostungsraum nach oben.

Botrosecco 2011Drei Weine stehen bereit. Ein kleines aber stimmiges Programm. Verantwortlich  dafür der Önologe Marco Ferrarese, der auch das Antinori Gut Guado al Tasso betreut. Wir beginnen mit dem weißen Vivia 2013. Bei diesem DOC Maremma Toscana entfallen 50% der Trauben auf den für die toskanische Küste typischen Vermentino ergänzt durch jeweils 40% Viognier und 10% Ansonica . Sein feiner Duft nach mediterranen Kräutern, begleitet von reifen Pfirsichen, Äpfeln und Kiwi passt nicht schlecht zu diesen Traubensorten und ruft auch den für die Gegend bis heute typischen Obstanbau in Erinnerung. Großherzog Leopold II, aus dem toskanischen Hause der Habsburg-Lothringer, hatte hier in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts großflächige Entwässerungsarbeiten in Auftrag gegeben, um das endemische Malariaproblem der Maremma zu beseitigen und die gewonnenen Flächen der Landwirtschaft zugänglich zu machen. Das heutige Gut Mortelle ist Teil des von ihm angelegten Musterbetriebes Albarese und bewahrt mit seinen gut 15 ha Obstplantagen teilweise die frühere Bestimmung.  Die ansprechende Säure und Mineralität des Vivia befinden sich im perfekten Gleichgewicht mit seinen 12,5°Alkohol. Ein herrlicher Sommerwein, denke ich wehmütig, denn draußen bürsten herbstlich kalte Windstöße die Weinberge.

Poggio alle Nane 2011 AntinoriMit dem Maremma Toscana DOC Botrosecco 2011 kommen die sogenannten internationalen Traubensorten zu Wort: 60% Cabernet Sauvignon und der Rest Cabernet Franc. Ihre Eigenschaften, sich in einer Art gegenstrebiger Fügung zu ergänzen, hat diese Rebsorten weltweit zum Lieblingskind vieler Önologen gemacht. Der spätreifende Cabernet Sauvignon ist reich an Tanninen und Pigmenten, während es sich beim Cabernet Franc geradezu umgekehrt verhält. Von hellerer Farbe, weniger Tannine und früh reifend, wird er vor allem im kühleren Nordosten Italiens eingesetzt. Die sonnenverwöhnte Maremma mit ihrem mäßigenden Einfluss des tyhrrenischen Meeres kennt freilich in der Regel keine Probleme der Traubenreife. Die malolaktische Gärung hat der Botrosecco im Stahl absolviert und durfte dann 12 Monate in Barrique reifen. Waldfrüchte stehen im Vordergrund, Lakritze und Gewürze. Die nicht leicht zu meisternden Tannine des Cabernet Sauvignon sind feingeschliffen, weich.

Beim Poggio alle Nane 2011 ist das Verhältnis der beiden Sorten umgekehrt: bei dieser Cuvée steht der Cabernet Franc mit 60 % im Vordergrund. Zwanzig Tage Fermentierung in Inox und dann ab in die Barrique fuer 14 Monate. Für die Nase ein komplexes Gewebe von Aromen: allem voran reife dunkle Früchte, viel Kakao und Gewürze, auch Minze. Am Gaumen weich mit präziser Korrespondenz zum ersten Eindruck an der Nase. Ein sehr langer Nachhall. Gerne hätte ich nun einen Lammrücken in Kräutermantel vor mir. Das würde passen. Im angrenzenden Saal des hauseigenen Restaurants sitzt bereits eine kleine Gruppe beim Essen. Leckere toskanische Antipasti werden aufgetischt, verschiedene Schinkenarten, Pecorino Käse und crostini. Eine solche Ouvertüre ist eigentlich toskanischer Standard, die Räume von Mortelle aber verleihen auch einem normalen Mittagessen einen magischen Glanz. Doch leider heißt es nun aufzubrechen. Bei dem schlechten Wetter wird der Rückweg lange dauern. Zum Trost nehme ich noch einen letzten Schluck des Poggio alle Nane und lasse die Eindrücke Revue passieren. Wem könnte es schon leicht fallen, von diesem Ort Abschied zu nehmen? Wie Adam nehme ich mir einen kleinen Myrtenzweig mit. 

Ulrich Kohlmann